Marokko zwischen Mittelalter und Desertec

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Die Meerenge zwischen Spanien und Marokko ist nur 14km breit. Tagsueber sind mindestens die Berghuegel des Nachbarn zu sehen, abends sieht man die Lichter des Staedte des jeweiligen Nachbarlandes: Tanger und (die spanische Enklave) Ceuta auf marokkonischer Seite, Algeciras, Gibraltar, Tarifa, vielleicht auch Marbella auf spanischer Seite. Fluechtlingsboote kommen jedoch auf der gesamten spanischen Suedkueste an, auch da, wo es weitere Wege zurueckzulegen gilt: Almeria, Montril, Malaga – unsere Gastgeber in den jeweiligen Orten konnten uns sowohl von Booten erzaehlen, die inmitten von Touristen am Strand landen, als auch von leeren Booten, die angespuelt aufgefunden werden, die Leichen kilometerweit verteilt an der Kueste.

Als wir am Sa, 19.11., bei stroemenden Regen, wenig Wind und Null Sicht in die andere Richtung uebergesetzt sind, war von solchen Dramen nur zu erahnen. Obwohl es in Nordmarokko am bis zu 3500m hohen Atlasgebirge immer wieder gerne mal abregnet, warnte man uns vor Ueberschwemmungen auf den Strassen. Nach Meknes wuerde nicht nur der BUs, sondern auch ein Zug fahren. Die Wartezeit verbrachten wir in der Cafeteria einer Sprachschule, deren “Barkeeper” – Nabil, ein junger Akademiker – sich gut mit uns unterhielt bzw. – als er anfangen musste fuer die in ihrer Pause anstuermenden Kinder Crepes zu backen – uns sein Netbook ueberliess, auf dem wir das, was er uns von Marokko erzaehlte, nochmal nachlesen konnten: Leben hier wirklich 40% Analphabeten? Der Koenig kontrolliert mit seiner Holding jegliches Wirtschaftsleben? Jugendarbeitslosigkeit bei 30%, Korruption, Vetternwirtschaft der Elite (“Makhzen”), keine Arbeitsrechte oder Gesundheitsversorgung, Frauendiskriminierung, kritische Presse muesse aus Spanien oder Frankreich per Internet operieren, fehlende Trennung von Religion und Staat, jeder Vierte in Armut? Die soziale Buergerbewegung des “20.Februar” sei allerdings (noch) nicht so weit verzweigt wie in Tunesien oder Aegypten. Der Koenig habe durch eine Verfassungsreform Anfang Juli den Druck aus dem sozialen Kessel genommen und viele Menschen glauben gemacht, das Land koenne sich trotz seines Systems quasi absoluter Monarchie noch entwickeln, hin zu mehr sozialem Ausgleich und Buergerbeteiligung. Nachdem wir ja ein Stueck weit den spanischen Wahlkampf und die spanische Buergerbewegung des 15.Mai miterlebt hatten (“15M”, sprich Quinze Emme), hier also das marokkanische Gegenstueck: die Bewegung vom “Fevrier 20” und: am kommenden Freitag sollte auch hier das Parlament neu gewaehlt  werden! 2007 lag die Beteiligung allerdings bei 37% – ein Zeichen dafuer, was viele Marokkaner von ihrem “Scheinparlament” halten. Von Wahlbegeisterung wie in Tunesien oder Aegypten war im Vorfeld jedenfalls nichts zu spueren. Und wie sich herausstellen sollte, lag auch dieses Mal die Beteiligung bei nur wenig mehr als 40%. Die Bewegung des “Feb20” hatte zum Boykott aufgerufen.

Im Zug nach Meknes funktionierten die Lichter nicht, was unsere Mitreisenden – einer sprach leidenschaftlich gern Deutsch – als relativ normal hinnahmen. Konnte auch an dem Regen liegen, der vielerorts, nicht nur in Marokko, fuer Ueberschwemmungen sorgen sollte, wie wir spaeter in Meknes im Fernsehen sehen konnten, z.B. die Schlammlawinen und fortgespuelten Autos in Italien. (Bei gleichzeitigen Duerrebraenden in den deutschen Alpen – verrueckt!) Es regnete dann noch drei Tage am Stueck, dazu noch eine Kaelte, die sich in den ausladenden Raeumlichkeiten, in denen Estelle (aus Rennes) und ihr Mann Mariano (aus Buenos Aires) zu wohnen gekommen waren, ziemlich bemerkbar machten. Wir versammelten uns die Tage also vor dem einzigen Gasofen. Meknes im Regen: die ehemalige Hauptstadt, beruehmt fuer ihre zahlreichen Minarette und engen Marktgassen, den Souks, zeigte sich von ihrer eher haesslichen Seite, Bewohner, die augenscheinlich auch froren, aufgeweichten Wegen (nicht alle Gassen der Altstadt sind gepflastert), fortgespuelter Muell, Verkehr, der sich vor lauter angefragten Sammeltaxen staute und vor sich hin stank und laermte. Dank Estelle und Mariano (und ihrem vierjaehrigen Pablo) haben wir uns dann aber trotz Regen und Kaelte sehr wohl gefuehlt, die Tage von Samstag bis Donnerstag. Am Mittwoch dann endlich Sonne! Unser Ausflug nach Fes, der anderen alten Hauptstadt, wurde dann auch zum Hoehepunkt unseres Aufenthalts: in der laut Wikipedia “groessten autofreien Zone der Welt” (der Altstadt von Fes) konnten wir alte Handwerkskunst bestaunen, als waeren wir auf dem Flachsmarkt in Krefeld – bloss, hier war es die Wirklichkeit fuer die Menschen! Aber auch fuer Fes musste ein Online-Reiseportal feststellen: “In Fes wähnen sich die Reisenden ins Mittelalter zurückversetzt. Dass dies ein überbevölkertes Wohngebiet der Armen ist, dass viele nicht lesen und schreiben können, dass Kinderarbeit etwas Normales ist, dass die Hygiene-Bedingungen nahezu katastrophal sind, dass die Angst vor einer Feuersbrunst stets gegenwärtig ist, wird selten bedacht.” (www.fes-marokko.de)

Nachdem wir in Meknes keine anderen Touristen bemerkt hatten, sahen wir in Fes einige wenige. Soll heissen, die Kunden fuer all das Handwerk werden – ein Glueck – auch von den Einheimischen gestellt. Supermaerkte? Fehlanzeige. Hier wird alles im entsprechenden Souk gekauft. In Rabat oder Casablanca wird sich bestimmt auch ein Carrefour aus Frankreich eingenistet haben und in Tanger klebte auch eine Lidltuete in einer Palme am Strand, aber hier in der Altstadt von Fes schien noch alles seinen alten Gang zu gehen. Buchstaeblich. Und wenn noetig, fuer schwerere Lasten, mit Eseln. Explizit ohne Chemiekeule angebautes Obst und Gemuese (“bio”) wird allerdings zu 100% fuer den Export verwendet, regelrechte Biolaeden waren dann auch nicht aufzufinden. Und was den vegetarischen Teil unserer Reise angeht, fuer Marokko koennen wir die geduenstete Gemuese-“Tahine” empfehlen, die Linsensuppen und die Kichererbsen-Fladen. Beim “vegetarischen” Couscous hatte der Kellner allerdings nicht geschafft, alle Fleischstuecke heraus zu sammeln (!), und das, obwohl es laut Wikipedia sogar mehrere Varianten von (echten) Gemuese-Couscous gibt. Vielleicht sind wir aber auch einfach in der falschen Couscous-Kueche gewesen.

Auf der Rueckfahrt – viel netter: bei Helligkeit im Zug – sahen wir einige (einheimische) Radfahrer auf den Landstrassen, mit relativ wenig Verkehr. Mit dem Tandem durch Marokko per Rad zu erkunden waere also durchaus moeglich, auch wenn sie in Meknes und ausserhalb der Altstadt von Fes fahren, als gaebe es kein Morgen. Unser Gastgeber in Montril hatte mir ja vor 10 Tagen gute zwei Stunden Fotos seiner Radreise durch Marokko gezeigt, inklusive Atlas-Kletterei-Etappen. Schneebedeckte Berge waren von Fes uebrigens auch zu sehen! Bei herrlichen Wetter sahen wir dann auch von der Faehre aus Teile des 150MW-Windparks, den Mohammed VI. ueber Tanger hat bauen lassen, der zur Zeit groesste in Afrika. Aber ob sein Desertec-Engagement – 2013 soll ein 12qkm grosser Solarparabol-Park als Musterbeispiel errichtet werden – auf echter Ueberzeugung beruht ist fraglich, hat er sich doch noch nicht offiziell von den zwei AKW-Bauplaenen verabschiedet, die er angeblich in der Schublade hat. (An dieser Stelle grosser Glueckwunsch und Respekt an alle, die sich dieses Jahr erfolgreich rund um den Castor engagiert oder sich in anderer Form kritisch mit Uranabbau beschaeftigt haben!)

Zurueck auf der europaeischen Platte sattelten wir noch am selben Abend erneut das Tandem und wurden vom Levante, dem Ostwind, in der Dunkelheit ins 20km entfernte Dorf Facinas geweht, wo uns Luz erwartete: eine supernette Hebamme, selbst im 8.Monat schwanger, mit Hausgeburt geplant! Ihre Bio-Abokiste aus Vejer war nicht die einzige zusaetzliche angenehme Ueberraschung, in der Nachbarschaft wuerde auch deutsches Biovollkornbrot gebacken! Als wir aufwachten wurde klar, dass wir oberhalb von Gibraltar noch nicht alle Windkraftanlagen der Gegend gesehen hatten, hier koenntest du meinen, Spanien sei schon jetzt 100% erneuerbar!

Nachdem wir uns am naechsten Morgen bei Birgit von der Panaderia mit dem eindrucksvollen deutschen Namen “Das Brot” mit Stollen, Broetchen und Brot eingedeckt hatten, ging es weiter nach Vejer, einem kleinen Ort, mitten auf einer Bergspitze gelegen. Sehr schoen zum Hochschieben! Unser wunderbarer Gastgeber hier: Werner, ehemaliger GTZ-Mitarbeiter, Panamericana-Drei-Gang-Radwanderer, z.Zt. fuer ein paar Tage Strohwitwer. Von hier oben, direkt aus dem Haus, sehen wir am Horizont die Lichter der Schiffe, die durch die Meerenge fahren, die Lichter von Tanger, hoeren zweimal taeglich das Kuestenwachen-Flugzeug, das nach Fluechtlingen sucht. Das naechstgelegene Dorf am Meer, Barbate, hat traurige Beruehmtheit als Rauschgift-Drehscheibe erlangt, bei der Suchanfrage “Barbate” auf Google finden sich Berichte aus verschiedenen deutschen Tageszeitungen, u.a. von unserem Journalisten-Freund Lukas, der 2003 hier recherchiert hat. Noch habe sich allerdings nichts geaendert, sagt Werner. Die Haschisch-Anbaugebiete seien gleich im noerdlichen Kuestengebirge zu finden. Dort muessten sich auch jene Fluechtlinge verstecken, die hier die Ueberfahr wagen wuerden und auch hier regelmaessig verungluecken wuerden. Vera hatte ja den Link zur NGO Borderline Europe, inklusive deren Petition, in einen aelteren Post gestellt, hier nochmal die Webseite. Interviews mit Fluechtlingen aus Togo und dem Tschad hier.

Morgen faehrt unser Boot von Cadiz nach Santa Cruz de Tenerife, dann weiter nach La Gomera. 35-50h Fahrt, je nach Wetter, entlang der Kueste von Marokko. Die letzten 50km nach Cadiz per Fahrrad zu fahren ist uns von mehreren Radlern allerdings leider abgeraten worden: wie schon nach Malaga wuerde auch hier eine laengere, autobahnartige Strecke ohne Standstreifen auf uns warten. Dieses Mal ohne Ausweichmoeglichkeit in die Berge. Also versuchen wir morgen, Platz im Kofferraum des Busses nach Cadiz zu finden. Mit anderen Worten: Unsere Radfahrstrecke ist nun, nach knapp 4800km, vorbei, das Tandem reif fuer eine Generalueberholung, und wir dafuer, endlich wieder einmal laengere Zeit als nur fuer ein paar Tage an einem Ort zu sein!!!!! Der naechste Post also von den Kanaren. Neue Fotos in der Galerie.

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