Reflektionen à la vera

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Auf dem Rad sitzen,

mit den Beinen das Getriebe

in Bewegung schwingen,

den Fischreiern beim Anflug zuschauen,

den Duft der asiatischen Flussorchidee

in der Nase riechen

ja, Freiräume zum losgelösten Denken geschenkt bekommen!

… dieses Sabbatjahr bringt uns scheinbar näher zu unseren eigentlichen Bedürfnissen, dem (Er)fahren von Nützlichkeiten des Lebens – derzeit im gediegenen Baden Württemberg. Wir bekommen Antworten auf Fragen wie zum Beispiel:

  • Wie viel Essen brauchen wir?

Da der bestellte Kocher zu spät geschickt wurde und wir feststellten, dass wir Frühstück und eine weitere Mahlzeit ohne einen Kocher bestreiten können, beschlossen wir gänzlich auf ihn zu verzichten. Somit essen wir einmal “auswärts” warm oder kochen bei unseren Gastgeber_innen! Was wir nun in der Debatte um jene 50% der in den Industrieländern zu viel produzierten und zu schnell weggeworfener Lebensmittel selbst leben können (Kinostart von Valentin Thurns “Taste the Waste” ist am 8. September!), ist das gezielte Einkaufen: zum einen würde uns natürlich zu viel Nahrung das Fahrrad zu schwer belasten, gleichzeitig lehrt uns aber auch das Leben ohne Kühlschrank eben nur so viel leicht Verderbliches einzukaufen, was wir auch tatsächlich zu zweit in zwei Tagen verspeisen können. Das tut so gut🙂

  • Wie viele Klamotten brauchen wir?

Natürlich bereitete es mir jeden Tag Freude etwas anderes anzuziehen, sämtliche Kombinationen immer wieder farblich anders neu an mir auszuprobieren. Nur hat mein Schrank leider nicht auf den Anhänger gepasst😉 Ja, es ist eine Umstellung ein Jahr lang Klamotten einer Woche zu tragen – und doch komme ich der Einstellung näher, die eine Podiumsteilnehmerin aus Bolivien beim attac “Jenseits des Wachstums”-Kongress vergangenen Mai in Berlin vortrug: sie habe diese eine Tracht, die sie jeden Tag trüge (und zeigte dabei noch eine Brosche die alles zusammenhielt, die um die 400 Jahre alt ist und seit Generationen in der Familie weitergereicht wird). Wenn sie eine andere brauche, würde sie sich eine neue weben und nähen. Ich schlender also durch einen Laden wie “Zündstoff” in Freiburg und sehe lauter Kleidchen und Hosen ganz nach meinem Geschmack: bunt, öko und fairtrade und belasse es mit einem herzlichen Jauchzer vor Glück, was es alles so Schönes gibt —- mit dem Anschauen und Anfassen. Denn alles hat seine Zeit🙂

  • Wie viele Hygiene Artikel und Schminke brauchen wir?

Och eigentlich habe ich doch gar nicht so viele Shampoos und Crèmes, oder doch? Der Kulturbeutel war schnell übervoll und bei so manch einer Reise wurde der Rucksack besonders durch volle Bodylotionbehältnisse, Handcrémes und Gesichtstonika zu einer echten Gewichtsherausforderung für meinen Rücken😉 und im Gesicht, da darf doch eigentlich dezente Wimperntusche und Kajal nicht fehlen, oder? Ihr könnt es euch denken: das meiste der von Hauschka gesponserte Vorratspackung an Kosmetika haben wir gleich bei Florians Eltern gelassen (oder vorgeschickt nach La Palma) und wir halten es wie mit der Nahrung: nur das, was wir wirklich benutzen wird erst dann wieder nachgekauft, wenn es auch wirklich restlos leer ist. Die Gesichtsauffrischung wiegt ja auch wirklich nicht viel, Wimperntusche gibt es aber nur, wenn wir gerade an einem festen Ort sind.🙂

Was ist also Glück? Was Zufriedenheit, Gerechtigkeit oder Freiheit? Diese Fragen beschäftigten schon seit jeher viele Menschen, die sich auf die Suche begeben. Die in Buchläden ausgestellte entsprechende Literatur spricht dazu bändeweise zu uns.

Wir beiden sind auf der Suche nach einer Lebensweise, die wir vor uns und kommenden Generationen vertreten können.

Dazu gehört unser Wunsch, für viel mehr Menschen als derzeit gelebt: ein Zugang zu Bildung nach Wahl; die Chance auf eine Beschäftigung, die selbstbestimmt leben lässt; eben auch erschwinglichen Lebensraum und Gesundheitsvorsorge (zum Thema Gentrifizierung gehen ja gerade auch junge Menschen selbst in Israel auf die Straße – hoffentlich trägt der Protest Früchte, auch hier in Freiburg); eine Partnerschaft auf Augenhöhe (in Saudi Arabien haben heute noch alle Frauen einen Vormund) bzw. wie unerträglich schlimm sind die (immer noch aktiven) Vorfälle von Pedophälie und verdrängter Homosexualität gegenüber der Öffentlichkeit in der katholischen Kirche bitteschön?? Wir haben dazu gerade heute ein sehr erhellendes Interview mit dem homosexuellen Katholiken und Ex-Priester David Berger auf SWR Contra gehört (David Berger, Der heilige Schein), entsprechend gibt es hier in Freiburg – neben Berlin und Erfurt – breite Bündnisse gegen den Papstbesuch Ende September. An dieser Stelle nochmal danke an Steffi für den Tipp mit dem Solarradio: wir hören auch beim Fahren sehr viel und haben SWR 2 und SWR Contra als neuen Lieblingssender entdeckt, z.B. zuletzt die beiden Forum-Sendungen zum neuen Film „Taste the Waste“ über  Nahrungsmittelspekulation oder zur angeblichen „Linksdreh“ rechter Intellektueller aus Dt. und England angesichts der Finanzkrise (vgl. auch die letzten beiden Ausgaben von DIE ZEIT).

Aber noch einmal zu uns (zu mir):

Fakt ist, dass ich mich gerade nicht in einem Dauerrausch von Glück befinde, nicht vor Euphorie glucksend durch die Welt rausche. Nein, dadurch, dass ein Sabbatjahr nicht nur ein seltener Urlaub ist, der gleich wieder vorbei ist, gibt es jetzt ganz alltäglich die Herausforderung im Radeln und Sein die Momente des Glücks wahrzunehmen und das Herz zu erwärmen. Eben das zu entdecken, was den Moment zum besonderen Erleben macht. Alltag jetzt heißt ohne Verpflichtungen nach außen zu leben. Den Menschen, die uns begegnen, und uns selbst würdevoll zu begegnen. Das Spannende und gleichzeitig Herausfordernde spüren bedeutet jetzt das täglich Wechselnde und die Pausen um das in uns Wachsende mit reifender Zeit zu begreifen.

Unsere Strecke der letzten Woche führte uns durch den schlagartig eintreffenden Herbst. Das Licht leuchtet vollmundig gelb, die Nacht kündigt ihr dunkles blau schon gegen 20:30 an um sich später schwarz zu kleiden. Und dennoch steht in Freiburg auch noch Anfang September tagsüber die Sonne hoch; glänzt erhitzend auf uns herab und malt mir eine ungewöhnliche Fülle von Sommersprossen auf Arme und Gesicht – als würde sie noch einmal der schon frischen Nacht trotzen wollen.

Die Fülle der Obstbäume und Weinreben im August (!?) schenkte uns schon viele unbeschwerte Hirsefrühstücke und ist deshalb mit Bruder September sicherlich als Reisemonat zu empfehlen. Neue Spielarten lassen sich auch mit Fallobst erfinden: das “Birnen- und Äpfel Überfahren”. Das knirscht und schnalzt, ja spritzt zuweilen wunderbar!

Auf dem Weg vom Neckar zur Kinzig entdeckten wir bohnenstangenartig in die Höhe wachsende Tannen, die uns bei kilometerlanger Abfahrt durch serpentinenreiches Gebiet den Blick davor verstellten, wie hoch sich diese Erderhöhung, la selva negra, der Schwarzwald, erstreckt! Im Tal angekommen konnten wir nur noch erahnen, wie es noch Momente vorher war, als wir uns noch den Wolken zum Greifen nah auf dem Bergkamm befanden! Wir folgten fortan weiter den Windungen des Flusses, umkreisten Schlaglöcher im Slalom und hatten doch wieder eine gerissene Speiche an Bord!

Die breite Masse des Rheins ist immer wieder atemberaubend! So auch zwischen Kehl und Strasbourg. Die Europabrücke eine “Erfahrenswürdigkeit” – auf französischer Seite kurz dahinter Kriegsgräber. Erinnerungen werden wach, als ich als knapp 19-jährige die Sonnenfinsternis in Verdun erlebte und auf dem unendlich wirkenden Friedhof sah, wie viele Gleichaltrige als Kanonenfutter dienten. Was ein Segen, dass wir mir nichts dir nichts über die Brücke gondeln konnten und das europäische architektonisch herausragende Arrangement von außen fotografieren konnten. Ihr wisst, dass viele Gesetze und Finanzierungsweisen der EU umstritten sind, manchmal gibt es in Strasbourg am EU-Gerichtshof aber noch “mehr Recht”, wenn sich das BVG in Karlsruhe sträubt, über den Tellerrand zu schauen! Fasziniert waren wir alle Mal, als wir vor dem Produktionsgebäude unseres geliebten Senders arte standen! Vor den Toren Kunst: eine Giraffe, die aus einem Mann ragt – die Giraffensprache, das Erbe der “gewaltfreien Kommunikation” – ich bin entzückt!

Hier in Freiburg leben wir nun – obwohl wir gerade „Pause“ machen – ähnlich angenehm einfach wie beim Zelten, nur geräumiger: und zwar in einer mongolesischen Jurte, die mit einer Schlaf-“Ecke“, Wohn-“Ecke“, Wasch- und Kochecke möbliert ist! Ulli und Juliette waren vor einem Tag mit ihrem 8 Monate alten Liam von 6 Wochen Rundreise in Norwegen per Tandem (und Bahn) zurückgekommen, als wir sie vor dem selbstrenovierten (ehemaligen Kasernen-)Wohngebäude ihrer WG ansprachen. Netterweise haben sie uns dann in die im Garten von ihnen aufgebauten Jurte eingeladen zu wohnen!! Bevor sie in die SUSI gezogen sind, also jene in Eigenregie ökologisch erneuerten ehemaligen französischen Kasernengebäude in der Vauban, haben sie selber in der Jurte gewohnt, damals noch in der Pfalz. Jetzt ziehen sie übrigens nach Hannover, mal sehen, wo dort die Jurte einen Platz findet! Liam genießt ganz offensichtlich sein unkompliziertes Aufwachsen fast ohne Windeln, nur mit Tragetüchern, als zeitweiliger Kinderwagen dient der Tandemanhänger. Vielen Dank nochmal! Weitere Freiburg-Impressionen finden sich als Fotos in der Gallery! Morgen, am Montag, geht’s weiter über Lörrach nach Basel!

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