Die Entdeckung der Langsamkeit

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Ihr habt es gelesen, wir sind 1000 km in 3 Wochen geradelt und beginnen Regionen zu erreichen, die wir zuvor nur mit dem Zug oder einem Auto bereist haben. Was uns natürlich am allermeisten erstaunt ist, dass wir dabei auch ganz neue Wege entdecken, eben die Rad- und Flusswege, teilweise alte Römer- und Pilgerwege🙂

Was mich, Vera, dabei persönlich sehr begleitet, ist die vermeintliche Selbstverständlichkeit, die ich als Kind der 80er Jahre entwickelt habe. Auch wenn ich in einem ökologisch geprägten Haushalt aufgewachsen bin, hatten wir immer ein Auto. Zum die Welt alleine kennen zu lernen war ab 14 Jahren die Flugreise schnell gebucht. Nach drei Langstreckenflügen nach Lateinamerika beschloss ich vor 7 Jahren das Fliegen gänzlich sein zu lassen. Was folgte waren Bahnreisen in Europa, nach Frankreich, Spanien,  Italien, sogar nach Griechenland und Litauen! Von Berlin war es natürlich auch wunderschön nach Prag und Krakau, aber auch nach Danzig zu reisen. Bei diesen Bahnreisen wurde mir natürlich schon bewusst, dass eben der (mehr oder weniger) entspannte Flug nach Madrid mir völlig vorenthielt, was es heißt, 30h für die gleiche Strecke mit Zug oder Bus unterwegs zu sein. Ich entdeckte aber schnell die Vorzüge einer bequemen Nachtzugfahrt. Den Zwischenstopp in Paris verband ich sehr gern mit einem Besuch bei meiner Freundin Meike. Es hieß von den gezählten Urlaubstagen einige für die Bahnstrecke vorzuhalten. Dabei war natürlich das Reisen an sich auch irgendwann Teil des Urlaubs. Empfehlen möchte ich hierfür die auf internationale Bahnstrecken spezialisierte Freundin Ina und ihre Berliner Agentur “Die Bahnfüchse”.

Was es aber nun bedeutet, Wochen unterwegs zu sein, um Orte außerhalb des eigenen Kulturkreises zu erreichen, erlebe ich nun gerade auf dem Tandem. Natürlich wird zur Zeit viel zum ökologisch verträglichen, langsamen Reisen publiziert (weitere Weblinks auch rechts). Das Reisen im eigenen Land oder das Reisen im eigenen Herzen wird hochgehalten, um die eigenen Lebensgrundlagen zu bewahren. Aber Hand aufs Herz: ohne meine bereits erlebten Fernreisen, würde ich jetzt gerade vor Ungeduld, das Meer zu sehen, platzen! Dafür bin ich einfach viel zu sehr an anderen Kulturkreisen, Klimazonen, Menschen, Sprachen, Architekturen und nie Gesehenem interessiert! Und werde auch wieder irgendwann, wenn es sich ergibt – und Flugzeuge mit Solarantrieb aus der Testphase raus sind😉 – in ein Flugzeug steigen, denn natürlich können wir von nun an nicht jedes Jahr ein Fernreiseziel per Rad erreichen, da sind wir realistisch und darum geht es uns auch nicht. Aber wir können es dieses Mal! Wir haben die Möglichkeit, uns darauf einzulassen. Dies mit der Perspektive in unseren Herzen, dass Marokko und die Kanaren Gegenden sein werden, die uns vermeintlich Unbekanntes schenken könnten.

Andererseits kam nun spätestens hier am Neckar das Bewusstsein hinzu, dass mir auch deutsche Regionen den Atem rauben können: Weinreben so weit mein Auge reicht, angebaut bis in die felsigen Hochlagen, die den Horizont streicheln. Ich sage “ja!” zu unserem Ansatz, von zu Hause gestartet zu sein und das zu entdecken, was am Wegesrand auf uns wartet! Für manche Menschen ist allerdings selbst das Fahrrad noch eine zu schnelle Art des Reisens. Steffen, von der Kommune in Niederkaufungen, hatte sich vor einigen Jahren darum zu Fuß auf den Weg gemacht, von Kassel nach Taragona, entlang verschiedener Kommunen und (zum Teil auch religiösen) Gemeinschaften. Um diese Strecke zurückzulegen brauchte er mehrere Monate – die Veränderungen, die er dabei erfahren an sich erfahren hat, werden ein Leben lang bleiben. (Sein Buch, nicht ganz so bekannt wie Hape Kerkelings “Ich bin dann mal weg”, aber mindestens genauso lesenswert: Steffen Andreae, “Wieviel Gemeinschaft braucht der Mensch”.)

Was weiter geschah: Nachdem wir uns in Mannheim bei Carsten und Steffi (im Rhein badend, Spaghetti-Eis essend, einige Hinterradspeichen erneuernd) wunderbar erholt haben, radelten wir weiter in das besonders von nordamerikanisch Touristen liebgewonnene Heidelberg. Erstaunlich ist die tatsächlich komplett erhaltene Altstadt, die Nähe zum Fluss und der großzügig gestaltete Weltladen mit dem besten Hommus gleich gegenüber: Marokko ließ hier schon mal direkt grüßen und führte uns noch einmal den Kontrast zwischen dem vermeintlich “Bekannten” im eigenen Kulturkreis (Heidelberger Fußgängerzone) und dem vermeintlich “Unbekannten” (Altstadt von Tanger) vor Augen!

Übernachten durften wir bei den Couchsurfern Dominic und Janna mit der süßen Tochter Martha. Seit ihrer Geburt waren wir wieder die ersten Couchsurfer und fühlten uns wie in unserer eigenen Wohnung, wir empfanden das Kennenlernen als erneuten Glücksgriff! Witzigerweise war eine Freundin von ihnen auch schon mal Wwooferin auf der
selben Finca auf La Palma, auf der wir auch sein werden! Es ist immer wieder schön, sich so verbunden zu fühlen🙂

Die Landschaft an den Ufern des Neckar, durch den er sich schlengelt, war weiter gütig von Weinreben, Brombeersträuchern, Apfel-, Birn-, Zwetschgen- und manchmal sogar Pfirsichbäumen gesäumt. Immer wieder höre ich Florian ungeduldig auf seinem Sattel hin und her rutschen: “Verita, bitte lass mich doch kurz abspringen, da hängt unsere nächste Obstration”🙂 In den letzten Tagen habe ich natürlich dann immer im Schatten gewartet, denn die Hitze lässt sich im Fahrtwind durchaus aushalten, aber in der Sonne stehen bleiben – das wisst ihr selbst – beschert immer gleich die gerade noch getrunkene Wasserflasche wieder zurück in der T-shirt Auslage😉

Was wir in der letzten Woche uns erobert haben sind die Bioland-Anbauflächen von Handschuhsheim (bei Heidelberg), mittelalterliche Fachwerkstädtchen wie Bad Wimpfen, Lauffen oder Marbach (s. Fotogalerie). Das Tandem  plus Anhänger durften wir an den am Neckar gelegenen Ruderclubs abstellen – manchmal noch gepaart mit dem Kommentar: “Ach seid ihr das mit der Anti-Atomfahne? Euch habe ich schon beim Training gesehen”!

Das überraschende Intensivsommer-Intermezzo hat unser wildes Campen zu einer Wonne werden lassen – nicht nur, dass wir nun auch endlich mal ohne die Überwurfplane unser Moskitonetz-Zelt genießen konnten; das Schwimmen in den Freibädern entlang der Wegstrecke wurde zur abendlichen Belohnung für verschwitzte Kniehöhlen, die auf Sprungbrett oder Rutsche ganz andere Verrenkungen als auf dem Tandem ausleben durften.

Wenn wir nun im offenen Zelt unter unserem Moskitonetz liegen, können wir die Wächter_innen des Himmels dabei beobachten, wie sie die Lichter anzünden, manchmal vielleicht machen sie mit dem Großen Wagen einen aufregenden Ausflug, verpassen wollen würden wir das nicht😉 Wild gecampt haben wir am Hang gegenüber der Burg Zwingenberg, begleitet von open-air-Operettenklängen und begeisterten Applausschüben, bei Lauffen am Neckar auf einer Insel und bei Reutlingen am “Steinernen Gaul”, einer historischen Furt, die dieser Tage scheinbar hauptsächlich als Hundebadestelle fungiert. An diese wurden wir sogar gelotst von einer Ortskundigen (mit Hund), die an unserem zuerst gewählten Zeltplatz vorbeifuhr und meinte: “Kommt mit, ich zeig euch noch eine viel schönere Stelle!” Wir können also nicht davon berichten, dass wir schon einmal vertrieben worden wären, im Gegenteil!! Von noch weiteren sehr zuvorkommenden Menschen ist zu berichten. Menschen, die uns statt der Wegbeschreibung zu einer Bäckerei einfach eigenes Brot schenken, Menschen, die uns Leitungswasser auffüllen und auch für den morgendlichen Tee einspringen und uns heißes Wasser für die Thermoskanne machen. Eine besondere Begegnung war mit Bill und seiner Frau, die uns morgens spontan in ihren Garten einluden. Bill entpuppte sich als spannender Gesprächspartner, der zu den verschiedensten Themen wie Energiepolitik, Cembalobau oder Weinanbau auf Knopfdruck bindend erzählen konnte – mit dem noch aktiven Block 2 vom AKW Neckarwestheim nur 10km entfernt hatte er unmittelbarsten Bezug und war deswegen Mitorganisator der 100km-Menschenkette im April 2010.  In Neckarsulm erwartete uns das Zweiradmuseum mit den ersten kettengetriebenen Fahrrädern der Geschichte, von 1880! Frauen aufgepasst: wir durften erst nicht mit dem Rad fahren, weil wir ja gezwungen wurden lange Röcke zu tragen – es wurden doch tatsächlich extra Fahrräder dann erfunden, die frau dann fahren konnte trotz der Röcke – da es aber genügend Frauen zu geben schien, die sich endlich auch ein wenig schneller und kunstvoll sportlich bewegen wollten, wurden Frauenhosen erfunden … bin ich froh, dass die Emanzipation in Deutschland schon recht fortgeschritten ist :-)))) Durch den Neckar-Radwege-Leitfaden bin ich durch meinen Hinterrad-Vorleser Florian übrigens bestens über Burgen, Schlösser und deren Geschichten informiert, die zukunftsträchtigen Bauten alter Zeiten. Die nicht ganz so zukunftsträchtigen Großbauten des Jetzt waren unzählige Kohlekraftwerke und die am Neckar platzierten AKWs Obrigheim und Neckarwestheim.

Irgendwann dann kamen wir aus der romantischen Weinstraße in die schwäbische Hauptstadt Stuttgart. Aufgenommen wurden wir von den liebenswürdigen Couchsurfern Andreas und Regina mit Elias. Andreas hat uns dann letzten Sonntag den prima Siebenmühlenradweg gezeigt: entlang einer stillgelegten Bahntrasse reihten sich mehrere, heute noch aktive Mühlen, eine davon, die Eselsmühle, beliefert den Großraum Stuttgart mit demeter-Biobrot!

Jetzt haben wir von Montag bis Freitag in Reutlingen Station gemacht! Meine Oma hat uns kulinarisch verwöhnt und wir hatten richtig viel Zeit mit den beiden Cousinen (Saskia ist seit meiner Konfirmation mein Patenkind), meinem Patenonkel und seiner Frau. Meine Oma habe ich zu ihren Lebens-Erinnerungen befragt, mal sehen was ich daraus machen kann! Florian hat sich in Sachen Kopfbahnhof 21 informiert (der Alternative zu S21), war bei einer der berühmten Montagsdemos (die 88.!) und hat Stuttgarts grüne Vorzeigeprojekte, Kooperativen und Kulturorte von Andreas gezeigt bekommen. Heute, am (endlich etwas kühleren) Samstag, geht es weiter, es juckt schon in unseren Fingern (und Füßen) weiter zu reisen! Zuerst lockt uns alternatives Wohnen im Tübingen Boris Palmers, dann unsere letzte Tagesetappe entlang des Neckars nach Oberndorf (dort ist er nur noch recht schmal), danach die Schwarzwaldquerung von der Kinzigquelle zum Rhein, eventuell Strassbourg und unser nächstes Ausruh-(Zwischen-)Ziel: Freiburg!

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