Energiewende

Standard
Energiewende

Möglich: Windräder direkt bei Fft/M

In den letzten Tagen konnten wir uns überzeugen, dass die Energiewende schon längst vor Fukushima in Gang gesetzt worden ist: zahlreiche Windräder stehen schon auf den Höhen des Vogelsberges (also nördlich von Frankfurt), in der Rhön (bei Fulda), im Taunus (nördlich von Wiebaden), im Pfälzer Wald (westlich von Mainz), werden durch leistungsfähigere ersetzt („repowering“) und auch neue Flächen sind bereits genehmigt, oft vorangetrieben durch zahlreiche dezentrale Energie-Genossenschaften mit klangvollem Namen wie „Grüner Vulkan“, „eegon“ (Energie aus der Eiffel) oder einfach „Energie in Bürgerhand“. Im Rhein-Main-Gebiet wird der Strom ja auch benötigt, warum also auch nicht hier produzieren. Viele weitere Standorte sind bereits genehmigt, so dass Schätzungen davon ausgehen, dass die schwarz-gelbe Deckelung (nicht mehr als 35% bis 2020) schon viel früher erreicht und damit einfach ausgehebelt werden wird.

Die dafür auch notwendige Energiewende in den Köpfen wurde am Freitag vormittag in der IGS Helene Lange Schule in Wiesbaden offensichtlich: in 5er Teams haben die LehrerInnen jeweils für “ihren” Jahrgang einen fächerübergreifenden Jahresplan entwickelt, dessen Inhalte sich an den Erkenntnissen des vom Club of Rome erstellten Berichts “Grenzen des Wachstums” orientieren (1972 zum ersten Mal erschienen, seitdem regelmäßig fortentwickelt, zuletzt allerdings leider auch mit einem Plädoyer für den zentralistischen Ansatz des “Desertec”-Projekts in Marokko). Seit 2009 darf sich die langjährige UNESCO-Projektschule nun auch offizielle Club of Rome-Schule nennen. Den regelmäßigen Lobeshymnen (nicht nur) in den Fachzeitschriften konnte nach dem Besuch an dieser “Versuchsschule” des Landes Hessen tatsächlich nur beigepflichtet werden, das gemeinsame Lernen in Projektarbeit mit außerschulischen Partner scheint hier wirklich Früchte zu tragen. Weitere beeindruckende Details waren der Schulalltag ohne Pausen-Gong, das reibungslose Doppelstundenmodell, der selbstorganisierte Putzdienst im gesamten Gebäude (!) und die regelmäßigen Theaterwochen für jede Klasse.

Eine weitere Energiewenden in den Köpfen wurde uns am folgenden Tag wunderbar vorgelebt von unseren spontanen Gastgebern Carmen und Jörgen im hessischen Mainz Kastell, als wir sie bei ihrer samstäglichen Einkaufstour mit ihrem Halb-Liegerad-Tandem auf dem Mainzer Marktplatz trafen, samt Kinderanhänger (Tristan!) und vom Einkauf auf dem Markt prall gefüllten Radlertaschen. Und das schien sogar Spaß zu machen! Zufällig war dann auch noch Jörgen in der Solarbranche aktiv, ähnlich wie drei Tage zuvor Jörg vom Grünen Vulkan im Vogelsbergkreis, beide überzeugte Befürworter der dezentralen Variante der Energiewende.

Kreativ: Liegeradtandem

Ein Foto von dieser schönen Konstellation haben wir leider versäumt zu machen, dafür bot sich uns am nächsten Tag bei der Weiterreise ein ähnliches Bild von einem im Alltag genutzten Halb-Liegerad-Tandem, fast genau an der Stelle unseres Zufallstreffens vom Vortag, diesmal mit der Besetzung Kind vorne (auf dem Liegeradsitz), Mutter hinten, zweites Kind im Anhänger, wieder volle Einkaufstaschen an den Seiten.

Die Energiewende über den Köpfen kommt allerdings erst langsam voran, wie wir täglich und in auch in der Nacht im Frankfurter Raum mit anhören durften: ständiger Fluglärm (von wegen Nachtflugverbot – lauter Ausnahmen!) und damit auch fataler co2-Ausstoß in den sensiblen Schichten der Atmosphäre. Großherzig die Aussage einer Anwohnerin, die zwar nur mit Oropax schlafen könne, aber es den anderen nicht  verübeln könne in den Urlaub zu fliegen, sie mache dies ja schließlich auch. Gleichzeitig entspannte sie gerade auf ihrem Lieblings-Campingplatz am Main. Geht es also vielleicht auch anders? Beruhigend auch, dass zuletzt der Markt für Billgflieger immer kleiner geworden ist, was z.B. bei Ryan Air zu einem Zusammenstreichen des Flugplans, ihrer Flotte und zum Anheben ihrer Preise geführt hat. Bloß die Lufthansa-Testreihe mit Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen – sprich: Palmöl-Diesel – geht gar nicht, Regenwald.org erklärt hier wieso!

Ausgestrahlt: Biblis

Einen direkten, eher unschönen Auswuchs der Energiewende konnten wir in Hanau beobachten: Eon und Staudinger möchten das Kohlekraftwerk um einen Block erweitern (Foto in „Gallery“). Die Stadt, der BUND, die Anti-Kohle Kampagne der Klimaallianz unterstützen die Bürgerinitiative der Anwohner und klagen selber. Pro KKW lassen sich ca. 1 bis 5 Millionen Tonnen co2 kalkulieren. Dabei wäre ein Ausstieg aus Kohle bis 2030 sogar möglich. Hier wird nochmal ganz deutlich in Erinnerung gerufen, wieviel vermeintlich „kleine“ Maßnahmen bringen, z.B. die vielbeschworenen, konsequent angewendeten Kippschalter: laut BUND-Statistik lassen sich so zwei Gigawatt im Jahr vermeiden, sprich zwei AKWs oder KKWs! Fakt ist, lästige Großkraftwerke könnten einfach „weggespart“ werden! Es gibt riesige Einsparpotentiale, nicht nur in Privathaushalten, sondern auch in öffentlichen Gebäuden und in der Industrie! Das AKW Biblis, davon konnten wir uns letzten Sonntag auch überzeugen, steht tatsächlich still, beide Blöcke. Der Abbau wird nun mindestens 10 Jahre dauern, mehrere Milliarden kosten und wohin mit dem Müll weiß im Moment auch noch niemand. Atomstrom? Inklusive der externen Kosten alles andere günstig. Und seitdem die Reaktorsicherheitskommission letzten Mai keinem der deutschen AKWs eine Bestnote in Sachen Sicherheit geben konnte, auch äußerst fahrlässig.

Dabei legte uns noch auf der Frankfurter Uferpromenade ein Radfahrer nahe, das Thema Atom (vgl. unsere Fahne am Tandem) gegen das doch viel wichtigere Thema Finanzkrise einzutauschen! Ein Kurzvortrag über das weltweite Finanz-Kasino folgte, ziemlich passend eigentlich vor der Kulisse der Bürotürme der Deutschen Bank. Lösungsansätze waren darin leider nicht enthalten, und so schnell er gekommen war, entfernte sich unserer Kurzvortrags-Redner denn auch wieder. Zu gerne hätten wir gewusst, ob er denn dann auch ganz konkret Initiativen solidarischer Ökonomie unterstützt, wie Food-Koops oder lokale Genossenschaftsbanken, z.B. die Volksbanken oder die GLS Bank, die Umwelt- oder Ethikbank, oder vielleicht auch Kampagnen wie die “Krötenwanderung” von Attac. Dort wird das Geld jedenfalls nicht in die weltweite Umlaufbahn gesetzt und kommt lokalen, mittelständischen, nicht börsennotierten und (im Falle von GLS, Umwelt- und Ethikbank) ökologisch wirtschaftenden Unternehmen und Kreditnehmerinnen zugute. Aber gibt es für dieses Thema eine Fahne fürs Fahrrad?😉 Keine jedenfalls, die auf Anhieb erkannt wird. Fürs erste bleiben wir also bei unserer traditionsreichen Anti-Atom-Fahne, weil jeder damit etwas anzufangen weiß und mit ihr der früher mögliche Atomausstieg in Erinnerung gerufen wird. Kommen wir auf dem Neckarradweg bald nicht auch noch am AKW Neckarwestheim vorbei? Wie lange soll das denn noch laufen? Und Philippsburg, südlich von hier? Mannheim lag bislang im “Bermuda”-Dreieck von drei AKWs im näheren Umkreis! Außerdem – und hier wieder der Blick auf jene andere veraltete Energieform – befindet sich hier gerade der neue „Block 9“ des lokalen KKW in Bau, eine Klage des BUND gegen die Baugenehmigung ist noch anhängig…

Dafür waren aus Mannheim gerade erst gestern nochmal hervorragende Nachrichten in Sachen Energiewende zu hören: Deutschlandfunk berichtete, dass hier in Mannheim ein Projekt des BMU den sogenannten “Energiebutler” in ausgewählten Test-Hauhalten testet. Das ist ein Smart Grid-System, der die “weißen” Geräte im Hauhalt (Spülmaschine, Waschmaschine, etc.) genau dann automatisch anwirft, wenn überschüssiger (und günstiger) Strom im Netz ist! Das geht hier in Mannheim deswegen so gut, weil die Stromleitungen in der “Modellstadt Mannheim” zugleich Datenleitungen sind, der “Energie-Butler” also gesteuert werden kann. Und wohl auch, weil Mannheim so grün gewählt hat wie lange nicht mehr und somit maßgeblich zum ersten grünen Ministerpräsidenten der deutschen Geschichte beigetragen hat, dessen Regierung ja bekanntlich den Windkraftanteil im in dieser Hinsicht rückständigen BaWü innerhalb von vier Jahren verfünffachen möchte! Heute heißt es nochmal auftanken bei unseren beiden lokalen Kretsche-Unterstützern Carsten und Steffi – vielen Dank für die ausgedehnte Ruhepausen-Möglichkeit! – morgen starten wir auf dem Neckarradweg auf dem Weg nach Stuttgart!

One response »

  1. Hi, ich finde euer Projekt beispielhaft. Ganz im Inneren beneide ich euch, um die vielen unvorhersehbaren Ereignisse, Begebenheiten und Begegnungen. Einfach klasse. Gute Fahrt, offene Augen und Ohren und viel Kraft in den Beinen usw.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s